Lob der Einfachheit

Seit einigen Jahren bin ich mit Kunden auf sehr hohem hierarchischen Niveau unterwegs – mit Vorständen, Geschäftsführungen, einzeln oder als Team.
Wie arbeitet man mit solchen Menschen adäquat – eine Frage die mir oft gestellt wird und die ich mir selber eben auch gestellt habe. Wie überall gibt es auch hier die Chance falsch abzubiegen, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen und schlicht unwirksam zu sein.

Irgendwie gibt es ja einen inneren Zusammenhang, eine Korrelation zwischen dem Anspruch an die Konzepte, mit denen wir in unserer Profession arbeiten, und den Anspruch den Situationen und Menschen an uns stellen. Etwas einfach gesagt: je bedeutender die Aufgabe und je intelligenter die Menschen, mit denen wir arbeiten desto „more sophisticate“ sollten die Konzepte doch auch sein. Das ist jedenfalls eine gängige Überzeugung.

Natürlich gibt es für diese Überzeugung auch Treiber.
Die Themen auf diesen Ebenen sind anspruchsvoll und sie haben große Bedeutung für viele Menschen. Die handelnden Personen verfügen in der Regel über eine hohe Intelligenz und über viele wenn auch nicht immer gut balancierte Talente. Das kann ich bestätigen.

Die klassische Eröffnung in den Erst-Gesprächen mit den Kunden schafft diesbezüglich nicht unbedingt Entlastung. Sätze wie: „Wir haben natürlich schon alles Mögliche gemacht also denken Sie sich was Neues aus!“ sind Gang und Gäbe.

Das provoziert den Reflex jetzt den neusten Stand der professionellen Debatte zur Anwendung zu bringen. Eine naheliegende Reaktion, die ich im Nachhinein auch bei mir nicht immer ausschließen konnte. Sie hilft aber nicht weiter – im Gegenteil. Sie macht das Leben als Berater anstrengend, reduziert die eigene Intuition und ist verbunden mit einer Unterschätzung der persönlichen Erfahrung – sowohl der eigenen wie der Kunden. Das Konzept wird über die persönliche Kompetenz gehoben. Das ist eine populäre Falle!

Es ist nicht das Konzept was ein Coaching, eine Beratung oder eine Teamentwicklung erfolgreich macht – es ist die Kompetenz in der Interaktion sich ein Konzept zu nutze machen.

Diese Erkenntnis musste ich mir erst mal zugestehen. Sie lag nicht auf der Hand – und das hat auch mit den Ausbildungswegen unserer Profession zu tun.

Als junger Berater haben mich die ersten Erfolge mit grundlegenden Modellen zu der Frage geführt was denn die Konzepte 2.0 seien. Dementsprechend habe ich mich in den Folgejahren viel mit Ansätzen befasst, die alle mit dem Vorteil ausgestattet waren das sie mich intellektuell ausreichend beschäftigten.
Tatsächlich haben sie die Qualität meiner Beratung nicht immer positiv beeinflusst. Bei näherer Betrachtung begegnete mir in den Beratungssituationen immer wieder sehr grundlegende Dynamiken, Dramen, psychologische Bedürfnisse und Mechaniken. Die kamen mir doch schon sehr bekannt vor.
Die konzeptionelle Lufthoheit zu behalten ist nur sehr bedingt hilfreich.

Für mich verfestigt sich das Bild in eine andere Richtung. Letztlich sind und bleiben wir Menschen egal in welchen Situationen wir uns befinden, wie viel wir an Intellekt und Talent mitbringen oder wie groß die Bühne auch sein mag auf der das Spiel sich gerade befindet. Letztlich gilt es diese Menschen auch und gerade in exponierten Positionen in erster Linie als Menschen ernst zu nehmen.
Nicht der Funktionsträger, der/die Machtinhaber/in, das Talentbündel stehen im Vordergrund, sondern der ganz individuelle Mensch mit seiner/ihrer Geschichte, mit den individuellen Motiven und Handlungsmustern und mit irgendeinem Problem das meist Herausforderung heißt.

Mir ist wichtiger mit diesen Menschen Beschreibungen für ihre Situationen zu finden, die es ihnen ermöglichen ihr Handeln zu verstehen und es weiter zu entwickeln.
Dafür sind einfache Konzepte ungemein hilfreich – freilich intelligent ausgewählt und angewandt. Einfache Konzepte erlauben das Spielen mit ihnen – vor allen Dingen das eigenständige Spielen des Klienten. Sie unterliegen weniger der Gefahr einen ungewollten Wettbewerb der Intellektualität hervor zu rufen.

Und ja, es kommt auf die Glaubwürdigkeit des Beraters an. Meiner Erfahrung nach war ich dann am wirkungsvollsten wenn ich für mich selbst glaubwürdig war – und nicht gestresst von überdimensionierten Konzepten.

Joachim Karnath
Oktober 2016

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